Lesungen und Gespräche | Dramatik und Diskurs

Vergangenheit als Gegenwart

Mehr Drama!: Lennart Kos + Dora Yuemin Cheng

In einer Zeichnung in den Farben orange und grün gehen zwei Personen die Treppe hoch ins Obere Foyer des Haus der Berliner Festspiele

© Berliner Festspiele, Illustration: 3pc

In der finalen Veranstaltung von Mehr Drama! stellen sich Lennart Kos und Dora Yuemin Cheng mit ihren Texten dem Theatertreffen-Publikum vor und sprechen im Anschluss mit den Autor*innen, die sie für das Format nominiert haben: Necati Öziri und Ferdinand Schmalz.

Moderation Shirin Sojitrawalla
Dramaturgische Betreuung Anna-Katharina Müller

Lennart Kos: IRIDIUM on earth

Im ersten Teil von IRIDIUM on earth erlebt ein Magier-Paar einen Schicksalsschlag: Bei einer Show verliert Buddy das Augenlicht. Auch privat leben sie zusammen und versuchen mit der tragischen Situation zurechtzukommen. Das geheimnisvolle Metall Iridium könnte Buddy helfen, in die gesunde Vergangenheit zurückzukehren. Im zweiten Teil befinden wir uns auf einer Weltraum-Mission, die das seltene Metall zur Erde bringen will. Schließlich, im dritten Teil, ist die Erde verwüstet, Buddy ist allein, schöpft kurz Hoffnung auf eine intakte Vergangenheit. Doch wie erstrebenswert ist es, am Gestern festzuhalten? Lennart Kos schreibt ein fantasievolles, dialogisch-starkes Stück über das Glück der menschlichen Verbindung – und über ihre Tragik.

Lesung mit
Niels Bormann, Sisi Bo’wale u. a.

Gespräch zwischen
Lennart Kos und Necati Öziri

Auswahlbegründung

„Lennart Kos hat mit IRIDIUM on earth ein ganz erstaunliches, ein großes Stück geschrieben. Er scheut darin nicht davor zurück, die ganz großen Fragen zu stellen: Ist unser Schicksal vorherbestimmt? Lässt sich der Lauf der Dinge durch individuelle Entscheidungen beeinflussen? Welche Rolle spielen zwischenmenschliche Nähe und Solidarität für die Zukunft unserer Welt? Vor dem Hintergrund eines ziemlich coolen Science-Fiction- und Outer-Space-Szenarios entwickelt sich eine Geschichte, die in drei Teilen mit einfachsten Mitteln weltallumfassende Bögen spannt. Dabei sind die Szenen kunstvoll miteinander verschränkt, die Dialoge – die sich meist zwischen zwei Partnern abspielen – sind von einer meisterhaften Eleganz und die Figuren bewahren sich ein Geheimnis, das sich einer zu einfachen Deutung der Handlung verweigert.
Buddy und Perceval sind ein berühmtes Magier-Duo und auch privat ein Paar. Nach einem Unfall bei einer ihrer Bühnenshows hat Buddy das Augenlicht verloren. In ihrem Haus auf den Hügeln über Las Vegas versucht das Paar mit der neuen Lebenssituation zurechtzukommen, doch Buddy kann sich einfach nicht mit seinem Schicksal abfinden. Er glaubt an die Macht des Iridiums, einem geheimnisvollen, uralten Metall, das die Veränderung der Vergangenheit bewirken kann. Im zweiten Teil begleiten wir die Astronauten Noah und Thorin auf ihrer Weltraum-Mission, das Iridium zur Erde zurückzubringen. Im dritten Teil ist die Erde in einem Zustand der Verwüstung, Buddy ist einsam zurückgeblieben und trifft auf eine junge Frau, die ihm möglicherweise das begehrte Iridium aushändigen kann.“
– Necati Öziri

Dora Yuemin Cheng: Sprache/Spiel 语言·游戏

Dora Yuemin Cheng sucht in Sprache/Spiel 语言·游戏 einen Ausdruck gegen das Vergessen und das Verblassen von Sprache, Erinnerung und der eigenen Geschichte. Die Mutter erkrankt an Alzheimer und damit droht auch die eigene Familiengeschichte im China zu Zeiten der Kulturrevolution zu verschwinden. Wie bewahren wir Erinnerungen auf, wie können sie für eine nachfolgende Generation erzähl- und erfahrbar werden? Und wie wirkt ein Staat auf die Erzählung von Geschichte ein? Dora Yuemin Cheng lotet in einer sprachlich ganz eigenen Form die Grenzen des Artikulierbaren aus und erschafft dabei in einem poetischen und berührenden Stück neue Möglichkeitsräume. 

Lesung mit
Kefei Cao und Yun Huang

Gespräch zwischen
Dora Yuemin Cheng und Ferdinand Schmalz

Auswahlbegründung

„In Dora Yuemin Chengs Sprache/Spiel 语言·游戏 ist eine junge Autorin zwischen Shanghai und Berlin auf der Suche nach ihrer ganz eigenen Sprache, nach ihrem individuellen Stil, nach ihrer eigenen Geschichte, während die Geschichte ihrer Mutter verblasst. Die beginnende Alzheimer-Erkrankung droht die Erinnerung an die Kindheit der Mutter im China der Kulturrevolution auszulöschen. Die Sprache, die auch immer wieder als eigenständige Figur auftritt, kämpft hier an gegen ein Vergessen, das immer ein doppeltes ist. Einerseits das persönliche Vergessen, andererseits das staatliche Geschichtsnarrativ, das auf dem willentlichen Vergessen der Schattenseiten der Kulturrevolution aufbaut. In diesem Spannungsbogen vom China der 1960er/1970er-Jahre bis ins Heute findet das Stück eine vielseitige, oft leichtfüßige Form, wo schon mal der Nachttopf der Mutter zu sprechen beginnt oder Onkel Mao sich für Putin hält. Auf diesem Szenenbild, das ein Schriftbild der Erinnerung ist, treten die Geister der Geschichte in all ihrer Unerlöstheit auf.“
– Ferdinand Schmalz